Leonie (23) aus Göttingen kann es selber noch nicht glauben, dass sie nach nunmehr fast zwei Jahren der Büffelei an der Universität ihr Ziel erreicht hat und endlich ihr Auslandssemester in Norwegen beginnen kann. Als Studienort hat sie sich ganz bewusst Bergen ausgesucht, da sie eher nach dem traditionellen, statt dem großstädtischen Norwegen Sehnsucht hatte. „Bergen ist einfach 'norwegischer' als zum Beispiel Oslo und durch seine Lage im Fjordgebiet wesentlich charismatischer.“, sagt die junge Studentin selber über die 250.000 Einwohner Stadt aus, die sie nun von August bis Ende Dezember ihre Heimat nennen kann. Selbst die geradezu sagenhaften 280 Regentage pro Jahr, die Bergen den traurigen Rekord als regenreichste Stadt Europas eintrugen, konnten sie von ihrem Beschluss nicht abbringen. Denn zu den vier Dingen, die Leonie in ihren Koffer vor der Abreise packt, um sich auf Bergen vorzubereiten, gehören nicht nur Kerzen (es wird dunkel), Alkohol (ist teuer in Norwegen) und ihr Laptop (zum studieren und kontaktieren), sondern vor allem auch regenfeste Kleidung, denn – so sagt sie – sonst kann man nicht raus!
Die ersten Schritte fallen allerdings trotz dieser perfekten Ausrüstung schwer und wie es so üblich ist stellen sich ihr gerade zu Beginn einige Probleme in den Weg: Durch das Erasmus-Programm wird sie an ein Studentenheim vermittelt, das ihren Vorstellungen nicht im geringsten entspricht. Abgesehen von der Wohnlage, die eine Busfahrt von zwanzig Minuten voraussetzt, um überhaupt in die Nähe des Stadtzentrums und somit der Universitätsanlage Bergens zu gelangen, findet sich Leonie zudem auch noch von ausschließlich anderen Erasmus-Studenten umgeben, was natürlich in sich birgt, dass weniger ihre norwegischen, als vielmehr ihre englischen Sprachkenntnisse gefragt sind.
Ohne lange zu Zögern setzte Leonie also alles in Bewegung, um in ein anderes Wohnheim oder sogar eine WG zu gelangen und dies mit Erfolg: Schon nach kurzer Zeit kann sie in ein anderes Wohnheim umziehen, das um einiges zentraler liegt und fast ausschließlich Norweger beherbergt. Geradezu ein Paradies also für jemanden, der sich gerne mit nordischen Klängen umgibt.
Der erste Eindruck der Universität dagegen befriedigt Leonies Vorstellungen durchaus und ein Zurechtfinden im bergischen Uni-Wald wird während der ersten Vorlesungswoche durch zahlreiche Veranstaltungen und Mentorengruppen, die Frage und Antwort für die Neuankömmlinge stehen, leicht gemacht. Verwundert ist sie dagegen über ihren Vorlesungsplan, der nicht das aus Deutschland gewohnte Minimum von zwanzig Stundenwochen umfasst, sondern lediglich die Hälfte an obligatorischer Anwesenheit an der Universität fordert. „In Norwegen studiert man intensiv, in Deutschland extensiv.“, stellt Leonie fest, „Man muss hier sehr viel eigenverantwortlich lernen. Die Klausuren am Semesterende dauern sechs Stunden, alternativ kann man meist eine Seminararbeit wählen, die aber während des Semesters geschrieben wird.“. Es ist also Eigeninitiative und eine Menge Motivation von den norwegischen Studenten gefragt. Seine Zeit, die man durch den lockeren Stundenplan zur Verfügung hat, muss man sich richtig einteilen. Vorlesungen werden zudem wesentlich weniger als in Deutschland angeboten, zumindest an der philosophischen Fakultät in Bergen. Dafür gibt es eine Reihe an Seminaren, die meist nicht mehr als zwanzig Teilnehmer zulassen, was eine kooperative Arbeitsatmosphäre natürlich fördert. Allgemein lobt Leonie auch die wesentlich bessere Übersichtlichkeit der Organisation an der Universität, die natürlich bei so viel gefragter Eigeninitiative auch wichtig ist. Durch vielerlei studentische Organisationen auch außerhalb des Uni-Alltags im kulturellen Bereich fällt es leicht Kontakte zu knüpfen. Theatervorstellungen, Vorträge und von Studenten betreute Debatten, Kino, Radio, Zeitung...die Möglichkeiten sich als Student zu engagieren sind zahlreich. Zudem ist das Musikleben in Bergen überaus pulsierend. Jedes Wochenende gibt es mehrere Konzertveranstaltungen und auch unter der Woche kann es passieren, dass man mitten auf öffentlichen Plätzen kleine Bühnen aufgebaut findet, auf denen die studentische Musikszene ihr bestes gibt. Wobei Leonie einräumen muss, dass trotz dieser tollen Auflistungen die Kontaktaufnahme zu Norwegern eher selten gelingt.
Dass Norwegen nicht gerade billig ist, ist bekannt. Deswegen dürften die 120 € Erasmusstipendium weniger ausreichen, um sich monatlich über Wasser zu halten. Leonie hat daher schon vorausschauend in Deutschland angefangen zu sparen, um sich ein gewisses Budget für ihren Aufenthalt in Norwegen zu sichern. Wer dies nicht tun möchte oder nicht über die nötige Zeit verfügt hat jedoch auch in Bergen genug Möglichkeiten sich durch kleinere Nebenjobs in Cafés und Bars sein Taschengeld zu verdienen. Dann ist es auch möglich sich Bierpreise bis zu 56NOK (7,14€) pro Glas und Reader für die Uni, die nicht weniger als 65€ kosten, zu leisten.
Welche Lokalitäten Leonie während ihres Aufenthalts in Bergen besonders lieb gewonnen hat und durchaus weiter empfehlen kann, soll am Ende dieses Erfahrungsberichts aufgelistet werden. Da wären dann also zu nennen:
Für Konzerte das "Hulen" im Olav-Ryves-Vei, relativ billiges Bier und sehr
hübsch in einer Felsgrotte gelegen. Da haben vor kurzem die Kings of
Convenience gespielt und auch sonst ziehen die immer gute Bands an Land.
Für kulturelle Veranstaltung, Lesungen und auch Musik etc. die „USF-Verftet“,
die Teil von "det akademiske kvarteret" ist, das ist so ein Verbund von
freiwilligen Studenten, die ganz viel auf die Beine stellen. Zum kvarteret
gehört auch die „NG 2“ (steht für Nygårdsgate 2, das ist auch gleichzeitig die
Adresse). Da kann man nett sitzen und was trinken.
Ein nettes, kleines, gemütliches Cafe ist sonst noch "Det lille
Kaffekompaniet", das gleich neben der Fløyen-Station liegt.
Am besten man besorgt sich immer die Studentenzeitung "Studvest", die einmal
wöchentlich erscheint und kostenlos in den Unicafeterien etc. rumliegt. Da
sind auf der letzten Seite alle Veranstaltungen der aktuellen Woche
angegeben. U.a. auch was im Studentenkino und -theater gezeigt wird usw.