Ob es Fernweh war oder einfach nur die Möglichkeit, die sich ihr durch ihr Skandinavistik-Studium geboten hatte, darüber ist sich Sissy(21) aus Göttingen bis heute nicht ganz sicher. Jedenfalls findet sie sich dennoch eines Tages in der Landeshauptstadt Oslo wieder, um dort, durch das Erasmus-Programm vermittelt, ihr Auslandssemester aufzunehmen. Das wichtigste in ihrem Koffer vor der Abreise: Private Erinnerungen an die Heimat und ein kleiner Vorrat an bei den Norwegern allseits beliebtem, aber nur teuer zu erstehendem Kräuterlikör.
Leute zu kennen schadet nie! Schon lange bevor die Reise losgeht hat Sissy sich bereits einen Wohnplatz in einer Wohgemeinschaft nahe des Stadtzentrums verschafft und genießt somit eine sehr unproblematische Ankunft in Oslo. Zwar liegt die Wohnung am Rande des etwas unruhigen Stadtbezirks Grønland, der durch die vielen kleinen traditionellen Geschäfte der dort ansässigen Immigranten und sein multikulturelles Angebot, ein Anzugspunkt für Jugend und Touristen ist; Von unangenehmen Auffälligkeiten während ihres gesamten Aufenthalts dort von August 2007 bis dato weiß Sissy allerdings nichts zu berichten. Ganz im Gegenteil hat dieser Stadtteil sogar einen gewaltigen Vorteil, nämlich die vielen kleinen Lebensmittelgeschäfte dort, in denen man ausnahmsweise einmal Obst, Gemüse und allerlei Sorten Nüsse zu erschwinglichen Preisen erhalten kann. Da Sissy bereits zuvor sehr oft in Oslo zu Besuch war, kennt sie sich schon bei der Ankunft in der Stadt aus und einzig und allein das Uni-Leben an dem skandinavischen Bildungsinstitut stellt für sie eine unbekannte Herausforderung dar.
Was auf Sissy an der Universität dann allerdings zukommt, sieht sie eher als Enttäuschung statt einer Herausforderung an: Das Studienangebot empfindet sie als unzufriedenstellend und ihr Unmut darüber, dass sie trotz extrem guter Ergebnisse beim Sprach-Einstufungstest nur an den Erasmus-Kursen teilnehmen kann, ist groß. So besteht ihr Stundenplan nun also lediglich aus verschiedenen Norwegisch-Kursen und einem Kurs über die norwegische Kunstgeschichte des 19./20. Jahrhunderts. Das Arbeitsmaterial ist teuer und die Stundenanzahl der Seminare gering, was zu sehr viel Lernarbeit zu Hause führt. Was im übrigen ein genereller Zustand an norwegischen Universitäten und kein spezieller Erasmus-Umstand ist. Zudem bemängelt Sissy die alten Anlagen und Gebäude der Universität, deren Bibliothek unter der Woche gerade mal bis viertel vor acht geöffnet ist und am Wochenende sogar noch eher schließt.
Nein, das Unileben in Oslo mag Sissy wirklich nicht. Auch das nette Flair auf dem Campus kann sie da nicht umstimmen, der mit eigener Kneipe, Cafés und Bars, Einkaufsmöglichkeiten und einem Frisörsalon ausgestattet ist. Und dennoch will sie ihre Studienzeit dort von einem auf zwei Semester verlängern. Woran kann es also liegen?
Sissy hat sich wohl einfach in die Stadt und die Menschen dort verliebt. Wenn es auch sehr teuer ist in Oslo zu leben und Sissy zuzüglich zu ihrem Studium noch zwei Nebenjobbs im Bereich Promotion ausführen muss (und will), um über die Runden zu kommen, so genießt sie dennoch die seltsame, aber faszinierende Mentalität der Nordmenschen und das zentrale Leben in der Hauptstadt. Aus dem Grund reichen ihr die 120€ Stipendium zzgl. BaFöG und Unterstützung der Eltern nicht aus: Weggehen in Oslo ist teuer, aber verzichten darauf will sie dennoch nicht, um das Land und seine Leute zu erleben. In allen Bereichen scheint ihr Norwegen dem Deutschland, das sie kennt, zwar nur ein kleines, aber dennoch ein gutes Stückchen voraus: Das System des Landes, was Staat und Krankenkasse angeht scheint besser zu funktionieren. Es gibt keine Studiengebühren, sondern Studienförderung. Politik und Kirche scheinen klarer strukturiert und unkomplizierter in Norwegen und nehmen keinen so großen Einfluss auf das alltägliche Leben seiner Bewohner. Diese wiederum weisen eine sehr freundliche Mentalität auf, deren gewisse Skepsis und Verschlossenheit Sissy zu überwinden versucht und das außerhalb der typisch, schon fast ritualartigen, skandinavischen Saufgelage jeweils am Wochenende: „Die meisten Kontakte, die man macht, sind eher 'schwammig' und lediglich 'Ausgehkontakte', die man am Wochenende in den Bars ect. trifft – die Norweger scheinen eher 'unter sich' zu feiern bzw. brauchen Zeit, um dich zu akzeptieren.“ Diese Zeit will Sissy sich nehmen. Nicht nur, um die nordische Mentalität und natürlich auch die Sprache weiter kennenzulernen, sondern auch um ihre Selbstständigkeit zu prüfen. Das erfordert Zeit und Geduld.
Man kann ihr also nur Glück wünschen und ihren Rat befolgen, dass jeder sich einmal in seinem Leben die Zeit nehmen sollte, sich selbst in einem fremden Land und unter anderen Umständen kennenzulernen.